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Wie trainiert man Systema?

Sicher werdet Ihr überrascht sein wie anders Kampfkunsttraining sein kann! Deshalb möchte ich Euch heute den Ablauf einer Trainingseinheit im Systema vorstellen.

 

Im Systematraining gibt es keine Kleidungsvorschriften, keine Katas (tradierte Technikserien), keine Rituale, keine Meditation und keine Gürtelgraduierungen. Es wird ohne Matten trainiert und es gibt keine Schutzausrüstung.

Dies ist jedoch kein Freibrief zur Willkür im Training!

Das Training im Systema ist nach klaren Grundsätzen strukturiert, die von jedem Ausbilder mit ESA (European Systema Association)-Zulassung, berücksichtigt werden. Der Unterricht gliedert sich in 4 Teile, die meist fließend ineinander übergehen und speziell abgestimmt werden auf die jeweilige körperliche und psychische Verfassung der Studenten. Durch die Vielfalt der im Systema vorhandenen Übungen kann der Ausbilder, je nach Fähigkeit der Teilnehmer und nach Thema des Trainings, gezielt auswählen welche trainingsbegleitenden Übungen bzw. welche Themenübungen er einsetzen will.

Hier soll ein kleiner Einblick in die Trainingsmethode und -didaktik gegeben werden. (Alle beschriebenen Übungen sind Beispiele und können je nach Training variieren.)

 

Vorbereitungsübungen:

Das Training beginnt mit Übungen, die den Körper von den Anspannungen der Alltagstätigkeit lösen. Typischerweise beginnt man mit Gehen oder Laufen im Kreis kombiniert mit speziellen Atemrhythmen, die in großer Vielfalt je nach Anweisung des Ausbilders variiert werden können. Der gesamte Körper soll bis auf die zum Laufen nötige Muskulatur entspannt werden, der Atem durchstömt den gesamten Körper. Im Anschluß kann zu einer weiteren sehr vielseitigen Übung, das langsame Rollen auf dem blanken Boden, übergegangen werden. Das Rollen hat mehrere Effekte, einmal das Vorbereiten auf die Fallschule, dann das Trainieren der Atmung unter erschwerten Bedingungen und schließlich die Massagewirkung durch das geschmeidige Anpassen der Muskulatur an den harten Untergrund. Das Entspannen der Muskulatur zählt in dieser Vorbereitungsphase zu den wichtigen Aspekten.  Durch das Abbauen der Verspannung wird der Körper weich und elastisch und damit vor Verletzungen im Training besser geschützt. Da Körper und Psyche eine Einheit bilden, werden durch die körperliche Entspannung auch Stress, Aggression, Unruhe und andere Störungen unserer Psyche abgebaut.

Je nach Thema der Unterrichtsstunde werden weitere Übungen gewählt, die den Körper gezielt auf das Thema vorbereiten. Sollen zum Beispiel Griffbefreiungen geübt werden, wo gleichmäßige, fließende und ununterbrochene Bewegungen nötig sind, werden Übungen mit langsamer Atmung gemacht, um sich körperlich wie psychisch auf die Bewegungsabläufe einzustellen. Sollen Schläge und Schlagaufnahmen trainiert werden, werden Übungen mit kurzer Atmung gewählt, damit der Körper besser mit den Schlägen umgehen kann.

Alle vorbereitenden Übungen dienen jedem Einzelnen sowohl als Einstieg ins Training als auch als Gesundheitsübung, die er frei für sich jederzeit zu Hause oder in der Freizeit durchführen kann. Die Intensität der Übungen bestimmt jeder individuell für sich und soll so gewählt werden, daß weder Körper noch Psyche unter Druck gesetzt werden. Oberster Grundsatz ist stets: keine Bewegung ohne korrekte Atmung

 

Themenübungen:

z.B. Griffe, Würfe, Schläge, Tritte, Messerabwehr, Bodenkampf, Kampf gegen mehrere Angreifer und vieles mehr.

Im Systema werden keine Techniken unterrichtet sondern Bewegungsprinzipien. Es werden keine speziellen Kampfstellungen und vorgegebene Bewegungsabfolgen trainiert, sondern Kampfanwendungen auf Basis natürlicher Bewegungsprinzipien erarbeitet. Die Bewegungen laufen mit der Körpermechanik, nicht gegen sie. Es entstehen weiche, runde, fließende und ununterbrochene Bewegungsabfolgen, die sich intuitiv aus der Situation entwickeln und nicht aus einem einstudierten Schlüssel – Schloßprinzip heraus resultieren.

Alle Übungen werden langsam durchgeführt. Die Übenden, im Systema gerne auch als Studenten bezeichnet, müssen beim Üben in der Lage sein ihren Bewegungen auch geistig zu folgen. Man soll aufmerksam sein, wahrnehmen was man tut, sich beobachten, die Bewegung analysieren, die Prinzipien erkennen und an sich arbeiten. Je weiter fortgeschritten die Übenden sind, desto fließender wird der Bewegungsablauf.

Die Trainingspartner verstehen sich als Partner! Das heißt man unterstützt sich gegenseitig bei den Übungen, nur so können sie in der Gesamtheit richtig ausgeführt werden. Es gibt keinen Sieger oder Verlierer! Ehrgeiz den andere zu übertrumpfen ist hier fehl am Platz. Die Übungen sind so konzipiert, daß sie im Team gelingen und dabei jeder einzelne profitieren kann ohne in Wettbewerb verfallen zu müssen.

Dadurch, daß es keine Gürtelprüfungen gibt ist das Training nicht an bestimmte lehrplanmäßige Themen oder an Leistungsstufen gebunden. Es gibt dadurch keinen äußeren Druck oder Ansporn sich zu verbessern, sondern nur die eigene Motivation aus sich selbst heraus. Alle, Anfänger wie Fortgeschrittene, trainieren gemeinsam, jeder nach seinem Kenntnisstand. Der Wechsel des Trainingspartners ist wesentlicher Bestandteil im Training. Es wird dadurch möglich sich mit den verschiedensten Anatomien, Größen- und Gewichtsverhältnissen zu beschäftigen und zu überprüfen welche kämpferischen Prinzipien für die eigene Person am besten geeignet sind.

Im Laufe des Trainings wird jedem Teilnehmer ermöglicht auch mit dem Ausbilder zu üben um so wichtige Hinweise und Anregungen zu erhalten.

Die Themenübungen werden nach Möglichkeit so aufgebaut, daß keine einseitigen Belastungen im Körper entstehen. Erkennt der Ausbilder, daß sich die Übenden verspannen oder zu schnell und unkonzentriert arbeiten, werden Ausgleichsübungen eingebaut.

Oberstes Gebot im Training ist stets Verantwortung zu übernehmen, für sich selbst und für den anderen. „Jemanden zu verletzen ist leicht - jemandem etwas beizubringen ist schwer! Jeder im Training ist Lehrender und Lernender zugleich.“

Im Systema wird Disziplin nicht durch äußere Maßnahmen hergestellt sondern über das Prinzip der Verantwortung von jedem aus sich heraus entwickelt.

 

Freies Üben / Freikampf:

Das Thema der Übungseinheit wird mit allen dem Studenten bekannten Elementen verknüpft und dann in freier Umsetzung zur Anwendung gebracht. Jeder soll seinen eigenen Rhythmus finden, sein persönliches Systema entwickeln. Da die Menschen verschieden sind, muß einjeder seine eigenen Möglichkeiten berücksichtigen und seine Fähigkeiten individuell umsetzen.

 

Abschlußübungen / Massagen / Abschlußbesprechung:

Jedes Training hinterläßt in der Psyche und im Körper Abdrücke. Ausgleichende Übungen sind daher wichtig. Das können zum Beispiel langsame Liegestüze sein um Belastung aus den Beinen zu nehmen oder langsame Kniebeugen um den Rücken und Schultergürtel zu entlasten. Auch Anspannungs-und Entspannungsübungen korreliert mit spezieller Atmung und Atemübungen mit Erfühlen des eigenen Pulsschlages sind bewährte Methoden um das Training entspannt abzuschließen. Sollten dennoch Verspannungen noch nicht gelößt sein, können leichte Massagen nach Rücksprache mit der Trainingsleitung Abhilfe schaffen.

Danach versammeln sich alle Anwesenden, auch Zuschauer und Interessenten, im Kreis und äußern sich persönlich zu den Erfahrungen die sie während des Trainings gesammelt haben. Es werden Fragen gestellt, Kritik geübt und Lob ausgesprochen und auch Wünsche für das nächste Training geäußert.

 

Ich hoffe Ihr könnt Euch nun etwas mehr unter unserem Training vorstellen. Wer sich´s anschauen will ist herzlich willkommen!



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Geändert: 15.05.2012